Bike Guide Comer See – Gespräch mit Annette und Rainer Kälberer
Der Bike Guide Comer See ist in Zweitauflage erschienen: es gibt viele Mountainbike Guides. Viele Gute, viele weniger Gute. Die Guten zeichnen sich durch liebevolles Feintuning einer ersten Tourenidee aus. Meist benötigt es mehrere Planungssitzungen an PC und Karte und mehrere Befahrungen, bis eine Mountainbiketour entstanden ist, die ein Rundum-Erlebnis vermitteln kann. Egal, wie hoch der technische oder konditionelle Anspruch dabei ist.
Zwei Macher eines solch wertvollen Führers haben wir heute im Interview. Annette und Rainer Kälberer. Die Autoren des MTB Bike Guide Comer See.

Bike Guide Comer See,, 2. Auflage von Rainer Kälberer
Annette und Rainer leben in Konstanz und sind Mountainbiken und Autoren aus Leidenschaft. Sie haben viel Herzblut und Zeit investiert. Das ließ sich gut mit dem vorgezogenen Ruhestand von Rainer vereinbaren.

Die Autoren Annette und Rainer Kälberer
Sie haben uns einiges verraten hinsichtlich ihrer Einstellung zum Biken und von ihren Erfahrungen als Mountainbike Guide-Autoren. Lest selbst – viel Vergnügen:
MTB Allgäu: Annette und Rainer, was bedeutet Mountainbiken für Eure Lebensqualität?
Annette: Es ist nicht ganz einfach, zu beschreiben, was Mountainbiken für uns bedeutet, auf jeden Fall mehr als rein sportliche Betätigung …
Mountainbiken ist die ideale Art, die Bergwelt und die Natur zu erleben und zu erkunden. Mountainbiken hat viele Facetten: die Anstrengung (und manchmal die Qual) beim Uphill, das anschließende gute Gefühl, es geschafft zu haben, die darauf folgende Belohnung in Form einer schönen Trailabfahrt.
Rainer: Nicht zu vergessen die Beschäftigung mit dem Sportgerät und der Technik: Schrauben, pflegen, tunen, fachsimpeln, ein Bike selbst aufbauen − damit lässt sich mancher Schlechtwettertag füllen. Und natürlich die Fahrtechnik, Übung macht den Meister, und üben kann man überall und immer, auch und gerade im Winter.
Wichtig ist für mich auch, dass man beim Biken Gleichgesinnte trifft und neue Freunde findet, ist doch der ideale Mountainbiketag ein Biketag mit Freunden.

Rifugio Bietti, Grigne
MTB Allgäu: Welche Elemente muss eine gute Mountainbiketour für Euch haben?
Rainer: Für mich zählen zunehmend die fahrtechnischen Herausforderungen. Mit einer Tour nur auf Asphalt und Schotter kann man mich nicht locken, da kann die Aussicht noch so schön sein. Eine Tour ohne Singletrails ist für mich keine richtige Mountainbiketour! Und ein paar tricky Passagen und „Schlüsselstellen“ müssen schon dabei sein.
Annette: Singletrails sind das Salz in der Suppe, der Meinung bin ich auch. Meine Auffassung von einer guten Mountainbiketour ist geprägt von dem, was wir am Comer See vorgefunden und beschrieben haben: ein Uphill mit Ausblicken, einer Einkehrmöglichkeit oder einen schönem Rastplatz auf der Höhe und einem Singletrail-Downhill.
MTB Allgäu: Was hat Euch auf die Idee gebracht den MTB Bike Guide Comer See zu verfassen? Warum ausgerechnet Comer See?
Rainer: Seit den Achtzigerjahren fahren wir regelmäßig an den Comer See, zuerst nur zum Windsurfen, dann rückte mehr und mehr das Mountainbiken in den Vordergrund. 2006 wollten wir ein paar Alpencross-Freunde zum Biken an den Comer See locken und verschickten selbst verfasste Tourenbeschreibungen von den wenigen Bikestrecken, die wir kannten: ein voller Erfolg, unsere Freunde kamen und waren begeistert.
Annette: Daraus entstand die Idee, einen kleinen Bikeführer zu verfassen, gab es doch kaum etwas über die Comer-See-Region zu finden, das war der Startschuss für unsere Recherche und unsere Arbeit am MTB Bike Guide Comer See.
Aus dem, was zunächst nur als kleines Werk mit 13 Touren im Eigenverlag gedacht war, entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren der schließlich im Bergverlag Rother erschienene MTB Bike Guide Comer See, der in seiner ersten Auflage 30 Touren rund um den See beschrieb.
MTB Allgäu: Was waren Eure schönsten Erlebnisse?
Rainer: 2007 habe ich meinen Beruf als Zahnarzt aufgegeben, somit war die neue und ganz andere Aufgabe an sich schon ein „schönstes Erlebnis“: Touren erkunden, Unbekanntes probieren, die Begeisterung über unsere Entdeckungen …
Ein schönes Erlebnis war es auch, als wir 2009, wenige Tage, nachdem das Buch erschienen war, die ersten Biker getroffen haben, die mit unserem Bike Guide Comer See unterwegs waren.
Annette: Eines meiner schönsten Erlebnisse war unsere Erstbefahrung der Monte-Galbiga-Runde (Bike Guide Comer See: Tour 28). Es gab zwar Berichte über einen alten Militärweg und einen Tunnel, aber wir konnten uns nicht sicher sein, ob das fahrbar sein würde, allein der Blick vom See hinauf zur Bergflanke weckte große Zweifel. Als wir schließlich wieder am See ankamen, konnten wir es kaum fassen, dass ein solches Kleinod in Biker-Kreisen nicht längst bekannt war.

Lago Biking
Andere schöne Erlebnisse: der Prachttag im August 2008, an dem wir uns auf den Weg hinauf zum Monte Legnone machten, das Glücksgefühl nach dem erstmaligen Meistern der S2-Sektion im oberen Teil der Legnoncino-Abfahrt, die nach unzähligen Anläufen endlich feststehende Streckenführung der Monte-Muggio-Tour …
Und dann gibt es die kleineren und größeren Pannen, die auch dazu gehörten, wie die endlose Plattfussserie am Tracciolino, das verlorene und wiedergefundene GPS-Gerät bei Pigra, den auf der Abfahrtsstrecke bei Margno versenkten Fotoapparat oder die erfolglose Brillensuche am Legnone.
MTB Allgäu: Was waren die größten Herausforderungen für Euch?
Rainer: Eine erste große Herausforderung war die Tourenauswahl. Längst nicht alles, was wir gefahren sind und versucht haben, findet sich in unserem Guide. Wir haben nur solche Runden aufgenommen, die wir gerne und mit Lust zwei- oder dreimal gefahren sind, was für eine gute Dokumentation nötig ist. An manchen Touren mussten wir lange feilen, bis sie uns „rund“ erschienen, andere haben wir schon nach dem ersten Versuch verworfen.
Texte verfassen, GPS-Aufzeichnungen machen und auf Karten übertragen, Wegpunkte eindeutig beschreiben, Höhenprofile anfertigen, Karten zeichnen und nicht zuletzt das Fotografieren waren weitere große Herausforderungen für uns „Laien“, besonders nachdem wir einen Verlag gefunden hatten und damit die Ansprüche an unser „Werk“ gewachsen waren.
Annette: Für mich kann das Einarbeiten in professionelles Desktop-Publishing dazu. Der Bergverlag Rother bot uns an, den MTB Bike Guide Comer See in Eigenregie zu setzen, eine Angebot, von dem ich gerne Gebrauch gemacht habe, hatten wir doch dadurch das Ergebnis in der eigenen Hand.
MTB Allgäu: Würdet Ihr so ein Projekt nochmal auf Euch nehmen?
Rainer: Ja, jederzeit, uns hat die Arbeit sehr viel Spaß gemacht.
MTB Allgäu: Kann ein “normaler” Biker, der im Berufsleben steht, den Zeitaufwand überhaupt leisten?
Annette: Ja, das ist durchaus möglich, unsere Autorenkollegen im Bergverlag Rother beweisen es. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass für zwei bis drei Jahre die Urlaube und ein nicht zu unterschätzender Teil der Freizeit diesem Vorhaben „geopfert“ werden muss.
MTB Allgäu: So ein Führer braucht nicht nur viel Zeit. Wie ist das finanzielle Risiko einzuschätzen?
Rainer: Ein finanzielles Risiko besteht nur dann, wenn das Buch in eigener Regie und auf eigene Kosten herausgebracht und vertrieben wird − die Kosten für die eigene Arbeit darf man natürlich nicht einrechnen.
MTB Allgäu: Habt Ihr eine Botschaft für alle potentiellen Nachahmer?
Annette: Zunächst einmal braucht es eine Idee: eine Gegend, die gute Möglichkeiten zum Mountainbiken bietet und die vielleicht noch nicht oder kaum beschrieben wurde. Was man sich auch überlegen sollte: Wie und für wen ist das Gebiet zu erreichen? Wo sitzen die potentiellen „Kunden“? Spätestens bei der Suche nach einem Verlag wird man sich diesem Fragen stellen müssen.
Rainer: Was man auch wissen sollte: Reich wird man nicht als Hobby-Autor eines Reiseführers. Das Motiv fürs Schreiben muss also ein anderes sein, welches genau, das muss jeder für sich entscheiden. Uns hat die Autorentätigkeit für den MTB Bike Guide Comer See Spaß gemacht und viel gegeben, auch wenn es zeitweise etwas stressig war. Und die durchweg positive Resonanz auf unser Buch ist für uns die schönste Bestätigung für unsere Arbeit.

Monte Legnoncino, Tour 13
MTB Allgäu: Habt Ihr sonst noch Lieblingsreviere oder –touren, außer denen am Lago di Como?
Rainer: La Palma, Ligurien, Gardasee, Graubünden, Engadin, Livigno, ein Mini-Alpencross von Bad Ragaz an den Comer See − wir waren dieses Jahr an einigen der schönsten und bekanntesten Bikedestinationen unterwegs, so dass es schwerfällt, ein eindeutiges Lieblingsrevier oder gar eine Lieblingstour zu benennen. Was uns sehr wichtig ist: Wir möchten als Mountainbiker das Gefühl haben, in der Region willkommen zu sein, was nicht überall der Fall ist. In Baden-Württemberg haben wir bekanntlich mit Vorurteilen seitens mancher Wanderer, geschürt durch die 2-m-Regelung, zu kämpfen, und auch auf unseren Haustrails in der Ostschweiz haben wir öfter den Eindruck, dass man uns Mountainbiker am liebsten vergrämen würde.
Annette: Ein Lieblingsrevier außer unserem „Heimrevier“ am Comer See kann ich auch nicht benennen, aber zwei Lieblingstouren verrate ich gerne:
Im August waren wir unterwegs am Griespass/Passo San Giacomo (Gotthardgebiet) auf einer Runde in spektakulärer Hochgebirgslandschaft mit fordernden, aber zum größten Teil gut fahrbaren Trailabfahrten, eine Supertour, die ich bestimmt noch einmal fahren werde.
Die Pischa-Trail-Runde bei Davos war unser Saison-Abschluss: praktisch nur auf Trails, sowohl bergauf als auch bergab, teilweise tricky und fordernd, genau so, wie wir es mögen. Dazu eine Traumlandschaft, die knapp unter uns liegende Hochnebelgrenze, alle Klischeevorstellungen vom „goldenen Oktober“ waren erfüllt …

Die Autoren auf dem Pischa-Trail bei Davos
Von solchen Touren und Erlebnissen kann man dann an den langen Wintertagen träumen, auch das macht die Faszination des Mountainbikens aus.
Annette, Rainer – das hat Spaß gemacht mit Euch. Vielen Dank für die Einblicke, die Ihr uns gewährt habt. Weiterhin viel Erfolg mit Eurem Mountainbike Guide Comer See. Die zweite, überarbeitete Auflage (Kurz-Rezension des Bike Guide Comer See) findet sicher ebenso schönen Anklang in der Mountainbike-Gemeinde, wie die Erste.
Wie Tourentage am Lago di Como aussehen können, kann man am Beispiel des Berichtes MTB Lago di Como – Saisonabschluss DAV Oy/Allgäu nachlesen. Unter anderem auch mit einer Tour von Kälberers.
Happy Trails